Wanderarbeiter in China…

Ganz kurz, mein Wochensenf ist noch in Arbeit ;-), aber ich las gerade mal wieder einen SPIEGEL Artikel der mir das Blut schon um 8.00Uhr Morgens in Wallung brachte, haha. Keine Ahnung warum man mein Gastland immer so runter buttern muss.

Der Beitrag ging um Wanderarbeiter und hier im speziellen Frauen. Inhaltlich ist er nicht soo falsch, aber mich stört wie gesagt die Einseitigkeit der Berichterstattung. Und der Fakt das die Jungs und Mädels nicht nur China aufbauen, sondern auch unseren Wohlstand mittragen. Meine Klamotten sind nämlich alle Made in China.

Zufällig bin ich mit einer Wanderarbeiterstochter verheiratet und wir besuchen auch recht gerne mal die Familie. Sowohl in Shanghai, Guangzhou oder sonst wo als auch zu Hause. Wenn man nur den Blick auf / in den Spiegel hat sieht man halt auch nur eine Sichtweise. Es stimmt durchaus das sich viele Chinesen und deren Frauen aus ärmeren Provinzen im Speckgürtel verdingen und das Geld nach Hause schicken. Immer noch, obwohl ich schon vor Jahren darauf hinwies das sich das ganze langsam wendet. Die meisten haben nämlich keine Lust mehr drauf und sich im Hinterland eine schicke Existenz aufgebaut. Genau das fehlt mir in dem Bericht. Man zeigt vermeintliche Baracken, die beim durchschnittlichen Deutschen den Eindruck von Armut erwecken, schreibt dann noch ein paar Zeilen dazu und zieht weiter zur nächsten journalistischen Baustelle (im Falle von Spiegel.de passt das sogar ;-)).

Das ganze mit dem ausgestattet, was ich mir hier auf meinem privaten Blog ohne weiteres erlauben darf: Subjektivität. Einer enormen Menge an Subjektivität.

Liebe Leute zu Hause, die meisten Wanderarbeiterinnen haben einfach keinen Bock darauf das ganze Jahr auf ihren Gatten zu warten! Meilings Mutter lebt aktuell in Chongqing, was aber eher daran liegt das wir Eltern werden und die Schwiegermutter auf die Tochter aufpasst und auch nicht unbedingt auf fliegen oder Zug fahren steht. Der wird es nämlich todesübel. Ansonsten waren Meilings Eltern eigentlich immer zusammen. Um die Kinder kümmerten sich derweil die Großeltern. Das jemand aus Anhui bis zum 16. Lebensjahr auf sein Kind aufpassen kann bis es alt genug ist auf der Baustelle zu knechten glaubt auch nur ein Chinese der in der „Stadt“ aufgewachsen ist.
Interessanterweise hört man umgekehrt zum Beispiel von Indien NULL. Da gibt es eine Nord-Süd Autobahn die auch die AIDS Straße genannt wird. Da gibt es schicke Bilder von LKWs die in ein Kondom fahren, um den Truckern einen Hinweis zu geben das man Aids nicht los wird wenn man mit der nächsten pennt. Die fahren wohl, ohne Wertung, hoch und runter und beim nächsten Heimaturlaub teilt man sein Schicksal dann mit der Gattin. Ist aber nicht wirklich von Interesse wenn man China im Visier hat, richtig?

Während man am Arbeitsplatz eher schlicht lebt (ich könnte hier mal ein Bild von meiner Bude posten, spare mir das aber bewusst) hat man zu Hause in der Regel eine sehr schicke Wohnung, die man 1:1 nach Deutschland packen könnte. Dicker Flatscreen, mindestens ein Motorrad und immer ein Lachen im Gesicht. Die Chinesen jammern nämlich wenig bis gar nicht. Wenn wir die Familie besuchen wird erst mal gekocht das sich der wacklige Tisch in der 25€ / Monat Behausung biegen und dann geht die Party los. Am nächsten Morgen steht man wieder um 5Uhr auf und geht auf den Bau. So läuft der Hase halt… Kein Wunder das es eine Gewisse Tendenz zu Neid auf mein Gastland gibt. Aber was aktuell geschieht ist wohl erst der Anfang. Leider. Wir waren uns wohl auch mal dem Umstand bewusst das gebratene Tauben das Produkt harter Arbeit sind und nicht von selbst in die geöffneten Schlemmermäuler fliegen. Bei uns hieß das dann Nachkriegsgeneration bzw. Trümmerfrauen… Und die Wanderarbeiter? Die bleiben ZU HAUSE (dachte ich hätte das mal als Post hier gehabt, finde es aber nicht. Aber ich hatte mit der Aussage recht wie man am Zhacai Index sehen kann.)!

Cheers
Sven

PS: Der Bericht den ich Eingangs verlinkte ist noch gar nichts wenn man sich dieses Geschreibsel mal anschaut. Ab und an könnte man wirklich die Meinung bekommen, dass 1,4Mrd. Chinesen den Intellekt einer Schüssel Reis haben…

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10 Gedanken zu „Wanderarbeiter in China…“

  1. Lass die doch berichten – die Medien in Europa sind ohnehin nur noch eine Plattform für Propaganda und Volksverhetzung. Ein echter kritischer Diskurs über die eigentlichen Probleme westlicher Gesellschaften (e.g. stetige Einschränkung der Bürgerrechte, Neo-Feudalismus, usw.) wird eben mit Berichten darüber, wie viel „schlimmer“ es anderen ergehe, massenwirksam verhindert. Und die Leute in Europa fühlen sich glücklich und wohl (oder meinen, sich so fühlen zu müssen) da man denkt, es könne ja sowieso nicht besser sein. Man wundert sich höchstens, warum der Mittelstand verschwindet – sieht aber die Gründe nicht.

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    1. Moin Greeny,

      neuer Versuch. Der erste ging den digitalen Lokus runter da die Android App den abbrechen Button genau an der Stelle hat wo jeder normale Mensch den senden Knoof vermuten würde;-)

      Ralf schrieb in etwa das Gleiche wie ich vor ein paar Tagen. Unsere Medien verbreiten leider ein Bild von meinem Gastland was schon ziemlich nah an der Gürtellinie ist. Wenn man sich nicht die Mühe macht dies zu verifizieren oder es einem an den zeitlichen und finanziellen Mitteln mangelt kommt recht schnell Stammtischniveau auf.

      Mir wurde wie bereits des Öfteren angemerkt schon mehr als 1x unterstellt das man mir eine Gehirnwäsche verpasste. Das lässt mich zwar kalt und sorgt für ein noch breiteres Grinsen, ist aber doch Ausdruck der vermeintlichen Tatsache dass bei uns jeder meint ein recht auf seine unfundierte Meinung zu haben.

      China gibt derweil einen netten Prellbock ab. Während es bei ins den Bach runter geht zeigt man mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die bösen, bösen Chinesen. Von parallelen zum vergangenen Jahrhundert schreiben wir hier mal bewusst nicht.

      Sicher ist hier nicht alles Gold was glänzt und ich bekomme den Unmut meiner Kollegen tagtäglich mit, aber unterm Strich ziehe ich den Hut vor der Regierung meines Gastlandes. Während man bei uns plant wird hier gehandelt.

      Wie Ralf es schrieb setzt sich der Wohlstand hier auch in den vermeintlich benachteiligten Landesteilen durch. Verdient im Schweiß des eigenen Angesichts und mit dem Preis der Trennung von der Familie. Erinnert mich stark an den Wiederaufbau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg. Nur gibt es auch in China starke Ähnlichkeiten zu dem was glaub Bismark in den Worten „die erste Generation gründet, die zweite studiert Kunstgeschichte und die dritte verkommt“ ausdrückte. Zumindest so ähnlich. Bin zu faul es zu suchen.
      Diese Tendenz hat man in China im Speckgürtel. Ohne Wertung denke ich in meiner Aussage, dass die Menschen bin meiner Umgebung (bezogen auf die Region wo ich arbeite) weniger kognitive Fähigkeiten und Mobilität aufweisen als in den ärmeren Landesteilen. Dass bezieht sich wohlgemerkt auf meine Generation. Von dem Wasser danach kommt möchte ich gar nicht erst schreiben… Mir persönlich sind die Menschen im Hinterland wesentlich lieber, aber das ist eine sehr subjektive Aussage.

      Anschließend darf wohl behauptet werden das wir den Kurs der Stagnation bewusst eingeschlagen haben. Die Zeiten in denen Mut und die Bereitschaft zu Risiko noch die deutsche Mentalität prägten sind wohl vorbei. Zum Glück sieht man das hier noch anders;-)

      Es bleibt aber, was wohl die Hauptsache ist, spannend. Mal schauen ob unser Nachwuchs in 20 Jahren der Masse folgte und sich bis ins dahin hoffentlich gemachte Nest setzt oder ob es Meiling und mir gelingt sie oder ihn mit einem Werteverständnis zu versehen in dessen Mittelpunkt Toleranz, Akzeptanz und als Wertschätzung gelebter Respekt stehen. Glaube aber das wir dies hin bekommen. Dass erste Wasser unser Spross lernen wird ist, dass wer jammert erschossen wird :-)

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  2. Hi Sven,

    ich gebe Dir vollkommen recht. Natuerlich kann man alles schlecht reden, aber in good old germany gibt es auch viele Mißstände. Wenn man dazu bedenkt, das 99% der Deutschen nie nach China kommen, kann man natuerlich allen möglichen Mist schreiben; die meisten glauben es.
    Ich persönlich habe nur positive Erfahrungen von meinen Aufenthalten in Chongqing und Qijiang: die Privatwohnungen, in denen ich war, waren voll ausgestattet, es fehlte nichts, ein Auto stand vor der Tür…
    Das für das alles fast jeden Wochentag gearbeitet wird, wird in Deutschland meist übersehen oder bewusst nicht erwähnt…

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    1. Moin Ralf,

      wie gesagt, ich kenn sowohl die Bude von Meilings Cousins, die mit 25€ im Monat (wohlgemerkt nicht pro QM sondern komplett) als auch deren Wohnungen zu Hause. Letztere könnte man 1:1 nach Deutschland verlagern und würde sie als geschmackvoll und gut bürgerlich bezeichnen.

      Dafür haben die Jungs aber meisten nur 1-2 Tage im MONAT frei und bestehen nur süß Muskeln (Bauarbeiter).

      Was mir an den Jung gefällt ist, dass sie immer gute Laune haben. Ich lsche selbst ganz gerne mal und nehme nicht alles bitterernst und dementsprechend umgebe ich mich gerne mit gleichgesinnten… Zudem gibt es dort eine Gastfreundschaft die fast nicht zu toppen ist.

      Bei uns hingegen beschwert man sich über zu lange Arbeitszeiten und zu lange Wege zum Arbeitsplatz. Auch wenn ich mich wiederhole die Anmerkung dass Meiling ihren Vater teilweise JAHRE nicht gesehen hatte. Der war nicht im Knast sondern arbeitet unterm Jahr in Guangzhou und sie hatte früher nicht das Geld wenigstens zum Frühlingsfest mal nach Hause zu fahren. Das möge man sich mal in Deutschland vorstellen ;-)

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    1. Der wird zum Quartalssenf ;-) War in den letzten Wochen viel unterwegs. Da kommt dann das „juhuu, es gibt was zu berichten / shit, ich hab keine Zeit“ Paradoxum zum Tragen…

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      1. Moin Sven,
        also das -mit dem Quartalsenf- vergisst Du bitte gleich wieder ;-)
        „dess gehd so awwa nit, gell?“
        Jetzt reiss Dich halt bitte mal zusammen und hau rein… in die Tasten!
        Liebe Grüsse
        Michael

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  3. Hallo Sven,

    lange nicht gehört und gesehen. In einer ruhigen Minute ist mir in den Sinn gekommen, dass du doch mal im „Schreib-Business“ warst.

    Also dachte ich schau mal was so interessanten passiert ist.

    So wie ich es lese muss man dir herzlichst zum doppelten Glück gratulieren!

    Alles gute!

    Viele Grüße
    André

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    1. Hi André,

      es ist noch mehr passiert ;-) Aber das steck ich dir mal per Mail oder am Telefon, haha. Hier wird chronologisch gearbeitet!
      Warte noch auf mein neues Laptop was normal bald ankommen müsste. Mit dem alten hat bloggen keine wirkliche Laune mehr gemacht!

      Bis bald
      Sven

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