32 Cent – die Fratze der Globalisierung…

So, bevor ich hier schreibe wie schön es doch in Hong-Kong war mal wieder ein etwas kritischerer Post ;-) Rotzig ist aber was anderes!


Zuerst mal die Frage „was kostet eine Jeans oder ein paar Turnschuhe?“. Da ich ja vor ein paar Monaten in Deutschland war und meine Klamotten immer dort kaufe, weiß ich das mich meine Jeans im Schnitt 50€ kosten (günstiger da ich sie im Outlet des Herstellers, der bei mir um die Ecke ist kaufe) und ich für meine Adidas Turnschuhe, um 50% reduziert, 40€ zahlte. Die Herstellkosten sind aber nur ein paar Prozent dessen was ich, trotz Rabatt, in Deutschland zahlte.

So kostet eine Jeans im EK in China ca. 2€ und auch die Turnschuhe dürften Adidas nicht wesentlich mehr gekostet haben. Zieht man davon noch die Materialpreise ab kann man sich in etwa vorstellen wie viel noch für den Hersteller übrig bleiben…

Doch wie kann der sich das leisten? Natürlich in dem er Hungerlöhne bezahlt und seinen Angestellten keine Sozialleistungen zur Verfügung stellt.

Wir waren gerade mit einem guten Freund zu Mittag essen und eine recht hübsche Kundin, die wohl an der Uni studiert, fragte wie viel eine Bedienung in dem Laden verdienen würde. 32 Cent. Pro Stunde wohlgemerkt! Das ist in etwa auch der Betrag den wir früher unseren Bedienungen zahlten und der Kommentar meines ehemaligen Lehrers war der, dass ich ein Ausbeuter wäre… Hatte er ja auch Recht ;-)

Da wir vor zwei Tagen mit dem Zug von Guangzhou nach Chongqing fuhren, „durften“ wir uns die traurigen Szenen auf dem Bahnsteig ansehen. So z.B. ein kleines Kind, ca. 3 Jahre alt, welches von seinen Eltern, die wohl in Guangzhou arbeiten, Abschied nehmen musste. Kein Abschied für immer, aber die Chance das sich Eltern und Kinder mehr als 1-2x im Jahr sehen dürfte eher gering sein…

Meiling kommt ja auch aus einem Wanderarbeiterhaushalt und so kenne ich die ganzen Geschichten über jahrelange Trennung von den eigenen Eltern zu gut. Die Zeiten haben sich, zum Glück, etwas geändert und auch das Leben der Landbevölkerung ist mittlerweile um Welten besser. Globalisierung hat also auch ihre guten Seiten.

Meine Grundmotivation Chinesisch zu studieren war ja auch mit den niedrigen Lohnkosten und der eher flexiblen arbeits- und umweltrechtlichen Situation begründet, aber ich habe mich mittlerweile, evtl. auch aufgrund der Tatsache das ich für mich feststellte das ich in China keine Geschäfte machen kann, gewandelt. Vom Saulus zum Paulus? Eher nicht ;-)

Nur sollte man sich ab und an mal überlegen ob man wirklich alles vom Discounter kaufen möchte. Ein T-Shirt kann nunmal keinen einstelligen Eurobetrag kosten (ich las neulich von 1,99€ VK in Deutschland bei einem Discounter mit 3 Buchstaben) ohne das da wirklich Blut dran klebt (ich schreibe bewusst nicht Schweiss, den ohne Fleiss kein Preis). Mach dir darüber doch mal Gedanken wenn Du das nächste mal gemütlich durch die Fussgängerzone schlenderst um das nächste Schnäppchen zu kaufen ;-)

Genug der Worte, ich will ja niemandem den Samstag versauen,
cheers,
Sven

Ps: Der Hong Kong Post kommt noch, aber ich muss erst mal Bilder runterladen, Videos hochladen und, was derzeit die höchste Prio hat, meine Kunden befriedigen. Mein Blog zahlt nämlich NICHT meine Rechnungen ;-)

GD Star Rating
loading...
32 Cent - die Fratze der Globalisierung..., 5.0 out of 5 based on 1 rating

4 Gedanken zu „32 Cent – die Fratze der Globalisierung…“

  1. Moin Sven,
    ist wohl wahr, kann das ganze „Marken kaufen clever bei … (besagtem Discounter)“ nicht mehr hören, T-Shirts oder Hemden ab 1 – 2 € hat wohl nichts mit nachhaltiger Entwicklung und sozialer Verantwortung zu tun. Kenne das bisher nur aus der Geschichte Lateinamerikas, wobei es sich hier langsam aber sicher zum Guten wendet.

    Beste Grüße,
    Ingo

    GD Star Rating
    loading...
    1. Moin Ingo,

      willkomen an Bord ;-) Stimmt, die haben den Clever Kaufen Slogan für sich gepachtet… Das ganze funktioniert halt nun mal so, dass man erst mal alle anderen Konkurrenten mit seinen Kampfpreisen austrocknet und dann schön die Preise anzieht. Ich habe bei meinen Einkäufen moralische Untergrenzen. Irgendwann sagt es einem der gesunde Menschenverstand einfach mal das Schluss sein muss!

      Gut, mein Kaffee kommt auch nicht aus Bio-Anbau und die Bauern bekommen dafür auch keinen Extraaufschlag und ich bin genauso froh wenn meine Milch anstatt wie hier 80Cent pro Liter im Supermarkt nur noch 45Cent kostet, aber irgendwann ist wirklich mal Schicht im Schacht.

      Wir reden einfach zu viel mit gespaltener Zunge (<– was man mir natürlich auch gerne vorwerfen kann, es wird mir nur, wie so oft, sonst wo vorbei gehen ;-))

      Beste Grüße alter Freund,
      cheers,
      Sven, der mal wieder nicht pennen kann…

      GD Star Rating
      loading...
  2. Nunja, ich habe da keine moralischen Bedenken, wenn ich ein billiges T-Shirt kaufe. Denn:

    1) Kaufe ich ein Hugo Boss shirt, verdienen die Leute in China (oder wo es gefertigt wird) genau gleich viel.

    2) Ist der verdienst von 32 cent / Stunde für uns verwöhnte Europäer zwar klein, aber noch immer besser, als was man als Bauer in China verdient.

    3) Offeriert man den Leuten dort durch die Globalisierung zumindest eine Chance, für eine bessere Zukunft (und sei es für die der Kinder) zu arbeiten. Das ist allemal besser, als wenn man auf Pump lebt und der kommenden Generation nur Schulden hinterlässt.

    4) Reicht der Lohn zum Überleben. Klar, es ist kein gutes Leben – aber das reicht. Vor 40 Jahren, bevor China sich der Globalisierung öffnete – verhungerten dort teilweise noch MILLIONEN von Menschen im Jahr; heute haben fast alle genügend zu essen.

    5) Ist es der Grund für die Lohndiskrepanz der, dass wir unsere Grenzen abschotten. Ich halte es für total arrogant, einen doofen Sozialstaat aufzubauen, der Leute nach ihrer Nationalität ausgrenzt. Freiheit und Nächstenliebe sollte nicht nach dem Reisepass deffiniert werden.

    GD Star Rating
    loading...
    1. Moinsen,

      Zu Punkt 1: ob Boss die gleichen Hungerlöhne bezahlt (es gibt in der Tat noch Länder in denen das Lohnniveau niedriger ist als in China und genau da verpisst sich die Textilindustrie gerade hin) weiß ich nicht und möchte es auch nicht wissen. Keine Ahnung ob Ihr in CH auch diesen Discounter habt der bei uns mit wahren Kampfreisen seine Waren anpreist. Da bleibt wirklich nichts mehr über, wenn man noch 19% Umsatzsteuer, die Einfuhrzölle für Textilien und dann noch die Fracht rechnet. Das Problem sind nicht nur die Löhne, sondern auch die Materialien die verwendet wurden. Bei nem Boss Shirt wird man wohl in der Regel keinen Ausschlag bekommen (ich mag die Marke nicht, die Anzüge von denen haben einen Chinesischen Freund von mir mal zur Aussage „das sieht ja aus als ob es vor 5 Jahren schon aus der Mode war“ bewegt [zum Glück noch im Laden ;-)]). Der arme Tropf der an der Maschine steht wo die verarbeitet werden bekommt aber die 100-fache Dosis ab…

      Zu Punkt 2: Bauern in China sind in der Tat arme Schweine. Ich bin ja des öfteren auf dem Land. Es kommt aber auch drauf an was man mit seinem Verdienst so anstellen muss. Wenn ich den Burgerindex durch meinen privaten Nudelindex (was kosten ein paar Nudeln in einem Restaurant?) ersetze schneidet China recht schlecht ab, sprich es ist recht teuer. Wenn ich 32 Cent pro Stunde verdiene, eine Portion günstiger Nudeln im Restaurant aber etwas mehr als 50 Cent kosten, muss ich mehr als 1,5h dafür arbeiten. Ich schreibe hier nicht meinen Stundenlohn hin, aber selbst bei 8-10€, was ich in DE mal als Minimum rechnen würde, komme ich immer noch auf 12-15€ für ne Portion. Die ist aber bei uns wesentlich günstiger…

      Zu Punkt 3: Ich bin kein Gegner der Globalisierung. So weit ging meine Wandelung auch nicht und ich stehe ja auch in gewisser Weise drauf. Ohne wäre ich nicht hier sondern würde mein Dasein noch in Deutschland bei meinem alten Arbeitgeber fristen und hätte schon das 15-jährige Betriebsjubiläum vor Augen. Nein Danke! Die derzeitige Migrationsbewegung der Wanderarbeiter ist in so fern gut das die Gehälter in die Teile des Landes gepumpt werden in denen sie gebraucht werden.

      Zu Punkt 4: Ein Thema über das man in China fast gar nicht spricht. Ich spare es mir normal auch und auch Meiling reagiert eher sauer drauf. Die saudumme Idee aus Woks Stahlbarren gewinnen zu lassen und dafür noch alles abzuholzen um die „Hochöfen“ zu befeuern und nebenbei noch alles Getreide in die UDSSR, nach Ostdeutschland und Yugoslawien zu verschenken ist in der Tat einmalig. Aber man hat wohl daraus gelernt. Seit dem Deng Xiaoping ´78 die Öffnung verkündet hat geht es hier wirklich steil Berg auf. War erst vor 3 Tagen in Shenzhen. Vom Fischerdorf zur reichsten Stadt in China und das in 30 Jahren. Das muss man erst mal nachmachen. Das ist wohl auch der Grund warum nur mir die 3k/h aufgefallen sind. Man jammert hier generell weniger.

      zu Punkt 5: ist leider so! In Deutschland oder Europa wird die Klassenzugehörigkeit sehr stark nach dem Reisepass unterschieden. Hätte ich eine Freundin aus Korea oder Japan, die der der gewöhnliche Beamte aus der Botschaft wohl nicht von einer Chinesin unterscheiden kann, wäre eine Einreise nach Deutschland absolut kein Problem. Bei uns waren Ausländer so lange willkommen wie man unser schönes Land aufbauen konnte. Jetzt importiert man sich noch Handlanger aus Polen, die bei uns die Ernte pflücken und ist froh wenn diese, wenn die Früchte im Laden stehen, schnell wieder verschwinden. Sozial ist in der Tat etwas anderes. Würde es nach mir gehen wäre das ganze System eh schon abgeschafft. Am Ende ist es nämlich schon!

      GD Star Rating
      loading...

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *